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Dezember 23rd, 2018

„Was ist Weihnachten?“, fragte Sven.
„Da kommt der Weihnachtsmann!“, sagte der Vater, ohne von seinem Handy aufzublicken.
„Nein, das Christkind“, sagte Oma bestimmt.
„Wer denn nun?“, fragte Sven.
„Und wer ist dann dieser Santa?“, fragte Marie-Louise. Sie war nur wenig älter als Sven, meinte aber doch, ihr größeres Detailwissen darstellen zu müssen.
„Das heißt Satan!“, korrigierte Oma, deren Weltsicht entschlossen unamerikanisch war.
„Heißt es nicht!“
„Santa und Satan sind nicht das gleiche, trotz des Anagramms “, korrigierte Vater und begann, auf Wikipedia die jeweiligen Definitionen nachzusehen. „Ich zeig’s euch gleich.“ Seine dicken Finger schoben über das Smartphone, und seine Stirn runzelte sich, als müsste er ein Tau durch ein Nadelöhr führen.
„Und welche Rolle spielt dieser Nikolaus mit seinem Krampus?“, fragte Maximilian-Alexander, der sich als Teenager schon entschieden zu alt fühlte, als dass er noch an so was glauben wollte. „Was für ein seltsames Verhältnis haben die beiden eigentlich? Der eine trägt lange Kleider und komische Hüte, und der andere prügelt gerne Kinder.“
„Schäm dich!“, begehrte Tante Edeltraut auf. „So was sagt man nicht!“
„Aber komisch ist es schon!“, triumphierte Maximilian-Alexander. Wenn Tante Edeltraut meinte, er sollte sich schämen, war das ein untrügliches Zeichen, dass er irgendwie gewonnen hatte.
„Das ist katholisch!“, erklärte Tante Edeltraut. Onkel Eberhard verschluckte sich am Glühwein und hustete unchristlich. „Sei du bloß still!“, zischte die Tante. „Wenn es nach dir ginge, wären wir alle Heiden!“
„Welche Art von Heiden?“, fragte Anna-Kathrin. Sie studierte im ersten Semester Soziologie und Völkerkunde und hinterfragte gerne alles. „Europäische Heiden? Asatru? Wicca? Oder mehr etwas Außereuropäisches? Buddhismus ist zurzeit sehr gefragt.“
Der Vater hatte gerade Satan gefunden und begann nun, Asatru und Wicca zu googeln. „Ich hab’s gleich“, sagte er. Niemand glaubte ihm.
„Was ist denn nun Weihnachten?“, fragte Sven patzig.
„Wir erklären das doch gerade! Das ist nicht so einfach.“
„Und die Sheepboys und die jubelnden Jahresendflügler sollten wir auch nicht vergessen“, warf Maximilian-Alexander dazwischen, der ein untrügliches Gefühl dafür entwickelt hatte, wann ein Kommentar am wenigsten passte. Tatsächlich hatte er diese Art der Kommunikation zur Kunstform erhoben.
„In Nürnberg ist das Christkind weiblich“, dozierte Anna-Kathrin. „Eventuell lassen sich da vorchristliche Wurzeln erkennen – Muttergottheit und so. Überhaupt ist Weihnachten zu einem nicht unerheblichen Teil vorchristlich. Sonnwendriten und Immergrün. Das hat nicht wirklich etwas mit einer orientalisch-patriarchalischen Religion zu tun, die von den Römern annektiert und auf irgendeinem Konzil für das römische Denken passend geschliffen wurde und seitdem eine Art Markenschutz betreibt.“
„Markenschutz?“, fragte Onkel Eberhard.
„Wie der Coca-Cola Schriftzug. Nie was ändern, damit sich die Kunden mit der Marke identifizieren können. Und die verbrennen, die das Markenrecht verletzen.“
„Schreibt man Wicca mit ck oder mit zwei k?“, fragte der Vater.
„Weihnachten hat doch nichts mit Coca-Cola zu tun!“, schimpfte Oma.
„Santa Claus schon!“, erklärte Marie-Louise. „Der kommt immer mit dem Coca-Cola-Truck.“
„Ich dachte, mit dem Schlitten?“, fragte Onkel Eberhard unschuldig. „Mit Rennmäusen.“
„Rentieren, Onkel Eberhard, Rentieren.“
„Mit roten Nasen. Vielleicht ein politisches Statement?“ Onkel Eberhard klang manchmal so, als wäre er gerne Maximilian-Alexander. Tante Edeltraut sah dann meist so aus, als bekäme sie gerade Verstopfung.
„Santa kommt mit dem Schlitten und schlüpft durch den Kamin!“
„Schwierige Angelegenheit bei Zentralheizung“, murmelte Maximilian-Alexander. „Bei dem Durchmesser von Heizungsrohren müsste er dann die Form einer sehr, sehr langen Cabanossi haben. Mit roter Pelle und flauschigen Enden.“
„Ihr seid alle blöd!“, konstatierte Marie-Louise.
Und Oma nickte: „Richtig, mein Kind. Sehr blöd.“
„Und was ist jetzt Weihnachten?“, fragte Sven noch einmal, dem ein einfacher Satz lieber gewesen wäre als ein verbales Wimmelbild.
Die Tür ging.
„Das wird Karin sein. Sie musste heute länger arbeiten. Wenn man so einen sozialen Job hat …“
Svens Mutter kam ins Zimmer und schob zwei Fremde herein, die sich etwas nervös umsahen. Sie trugen volle Plastiktüten als Gepäck und hatten billige Nikolausmützen auf. Sie sahen nicht eben sauber aus.
„Das sind Martha und Werner. Die werden mit uns Weihnachten feiern.“
Es war ganz still.
„Sie haben sonst niemand, und draußen ist es kalt“, erklärte die Mutter und blickte in Gesichter, die den Zusammenhang gerade nicht verstanden.
„Aber Karin …“, würgte der Vater hervor, „bei aller Liebe … es ist doch Weih…“
„Eben“, sagte die Mutter.
Tante Edeltraut stand auf. „Eberhard, ich denke, wir sollten jetzt … es ist schon spät …“
„Prima“, meinte Maximilian-Alexander. „Dann brauche ich keine zusätzlichen Stühle zu holen. – Setzt euch doch! Nehmt euch einen Keks.“
„Wirklich Karin!“ Tante Edeltraut lächelte dünn. „Man kann es auch übertreiben. An Weihnachten! Das gehört doch der Familie!“
„Das gehört uns?“, fragte Sven. „Ganz allein uns? Dann hätte ich gerne das mit dem Truck.“
„Du hast das noch nicht richtig verstanden, mein Junge!“, korrigierte Tante Edeltraut, die sich wieder hingesetzt hatte und noch einen Keks nahm, ehe diese etwa von anderen gegessen wurden.
„Du auch nicht, Tante Edeltraut, du auch nicht!“, grinste Maximilian-Alexander.
„Und jetzt singen wir alle was“, sagte Oma. Selten war die stille Zeit so still, wie nach einer solchen Aufforderung.

Doch es wurde ein schönes Weihnachtsfest – selbst ohne Coca-Cola-Truck.

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Ju Honisch

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